Lautsprecherbausatz BAUSATZ KERA 360.2 OHNE GEHÄUSE
Eher ist es nichts Besonderes für den Lautsprecherbauer, ein bisher unveröffentlichtes Produkt zur ersten Nutzung in einem neu zu konzipierenden Bausatz überreicht zu bekommen. Mindestens die Hälfte meiner Bausätze entsteht aus eben diesen Newcomern von allen möglichen Herstellern. Es gibt hat viele davon, die ständig auf der Suche nach neuen Käufern mit Innovationen aufwarten, meist ohne zu fragen, ob die Welt die auch braucht. Vollkommen anders geht es mir da mit dem schon seit zwei Jahren zaghaft angekündigten Eton 26 HD 1, dem neuen Hochtöner aus Neu-Ulm, der im letzten und in diesem Jahr auf der High-End als Handmuster zu bewundern war. In de Zwischenzeit hörte man keine neuen Wunderdinge, die das Teil schon konnte und wurde auch nicht, wie bei vielen fernöstlichen Herstellern üblich, zugeballert mit Messungen, die irgend ein renommierter asiatischer Maler auf ein Blatt gebracht hatte, die andererseits nach eigenen Messungen das Papier nicht wert waren. In aller Stille wurde die Serienreife erreicht und mir als besondere Ehre das erste Paar der neuen Eton-Hochtöner zur Entwicklung eines Bauvorschlags in die Hand gedrückt. Und schon hatte ich ein ordentliches Problem.
Klang
Auch wenn du jetzt denkst, dass ich es gar nicht merke: Gerade hast du erst den Aufmacher angeschaut und jetzt bist du schon beim Klang angekommen. Hast du etwa die anderen Seiten erst einmal übersprungen? Naja, macht nichts, das haben fast alle anderen auch getan, die Neugier kann man nicht sio leicht bezähmen. Mir ging es da nicht wirklich besser, doch da ich erst ein Boxenpaar anfertigen musste, bevor ich es hören konnte, wurde meine Geduld einer härteren Probe unterzogen. Was Eton mit der neuen Kalotte bezweckte, war mir klar, doch ob sie auf Grund ihres nicht ganz gewöhnlichen Konzeptes auch in die Regionen des ER4 aufsteigen konnte, musste sie in der Hörprobe beweisen. Die zog sich diesmal, wie auch diese Einleitung, in die Länge, denn gerade bei einem neuen Lautsprecher ist man nicht nur als Entwickler schnell bereit, sich von spektakulär anderer Darbietung gewohnter Geräusche blenden zu lassen. Wichtiger als die schnelle Probe, wozu der Hochtöner und mit ihm die Box fähig ist, war mir der Langzeittest, der offenbart, was in der ersten Euphorie reine Täuschung war. So nahm ich mir drei Wochen Zeit, in denen ich die Kera 360.2 immer wieder hörte, mit ER4-Boxen verglich, anderen vorführte und alle ihre Fehler kennen lernte. Es sei vorweg gesagt, dass ich an der Weiche nichts verändern musste, womit ich ehrlicherweise doch schon gerechnet hatte.
Da sind wir dann endlich bei dem Punkt, der die Butter aufs Brot bringt: Nein, ich kann nicht sagen, dass der ER4 oder der 26 HD 1 besser klingen. Der Titel Aufbruch in neue Welten verrät eigentlich schon alles. Der Airmotion-Transformer stellt Musik völlig unspektakulär auf einer weit nach hinten offenen Bühne dar. Alle Instrumente sind klar umrissen, Musiker haben Platz und streiten sich nicht um zu wenig Stühle. Ohne jede Anstrengung kann der Zuhörer jedem einzelnen Instrumentalisten quasi beim Musizieren zusehen. Geräusche, die am Instrument durch darüber gleitende Finger oder zugehörige Bögen und Stöcke entstehen, werden so wiedergegeben, wie sie entstanden sind. Stimmen haben einen natürlichen Klang, als hätten sie gar nicht erst den weiten Umweg über das Mikrofon und den elektronischen Tisch des Tonmeisters machen müssen. Die perfekte Ablösung des musikalischen Geschehens von den Boxen gelingt dem Flacheisen wie kaum einem anderen.
Der Keramik-Hochtöner macht alles ganz genau so, nur rückt die Bühne dabei drei Meter näher an den Zuhörer, verliert aber nicht die Tiefe. Dabei hat der Zuhörer aber keinesfalls das Gefühl, von den Boxen bedrängt zu werden. Unterschiede sind natürlich auch vorhanden. Wo der ER4 eher verliebt sanft schmeichelt, analysiert der 26 HD 1 ein wenig mit mehr Härte, wird dabei aber niemals lästig, wie es vielen anderen Hartkalotten leider anzulasten ist.
Es war die Selbstverständlichkeit, mit der die Kera 360.2 jede Musik richtig darstellte, die ich dem Hochtöner mit dem neuen Verbundwerkstoff anfangs nicht glauben wollte, die kannte ich bisher nur vom Faltenbalg. In den letzten drei Wochen habe ich erfahren, dass es tatsächlich möglich ist, alle Obertöne ein bisschen anders zu Gehör zu bringen, ohne in meinen an den ER4 gewöhnten Ohren falsch zu klingen. Andere Welten halt, wie sie der Liebhaber von Metallchassis vielleicht bevorzugen würde, aber ohne jede Schärfe.
Das erstaunlichste Erlebnis bescherte mir jedoch eher unfreiwillig und sicher nicht absichtlich meine Frau, als sie während einer Hörprobe, bei der von meinem Plattenspieler Pink Floyd "Wish you were here" angemessen laut zum Besten gegeben wurde, zu mir in den Laden kam. Sie hatte ein neues Betriebs-Handy bekommen und erzählte mir sogleich von den vielen Dingen, die das Ding beherrschte und die niemand braucht. Als ich sie nach ein paar Minuten fragte, ob sie die Musik noch kennt, hörte sie einen Augenblick zu: Klar, Pink Floyd und unterhielt sich weiter mit mir über ihren Arbeitstag. Die Musik war wirklich laut, meine Frau hat nicht, wie immer üblich, wenn gerade das Radio an normalen Boxen läuft, gefragt, ob ich den Krach leiser machen könne. Als ich sie abends darauf ansprach, erklärte sie mir, dass sie die Musik gar nicht als laut wahrgenommen habe. Das war sicher so ziemlich das beste Kompliment, das ein berufener Mund der Kera machen konnte.
Udo Wohlgemuth
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